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Daniel Spoerri (*1930)

Dieses Werk übt auf die Besucher der Kunstsammlung eine große Anziehungskraft aus, dabei ahnen die Menschen nicht, dass es interessanter Weise direkt Bezug auf die Stadtgeschichte Neubrandenburgs nimmt: … Seit Mitte des 18. Jahrhunderts ist ein starkes Interesse von Bürgern und Adel an der Vorgeschichte zu spüren. Die Archäologen beschäftigten sich gerade mit der Ausgrabung von Herculaneum und auch hier im Norden hoffte man auf Zeugen einer frühen Kultur. Diese allgemeine Sehnsucht lag wohl in der Luft, als die Neubrandenburger Brüder Gideon und Jakob Sponholz meinten, zu aller Befriedigung handgreifliche Beweise einer solchen erfinden zu können. Für Daniel Spoerri sind die Hersteller der kleinen plastischen, als slawische Gottheiten verkauften Werke, nicht in erster Linie Betrüger, sondern Erfinder der Assemblage und so betrachtet, fantasievolle, wenn auch respektlose Schöpfer einer damals unbenannten Kunstform. Daniel Spoerri, mit seinem ausgeprägten Sinn für alles Skurrile, hat die Geschichte, die für ihn in einem Kölner Antiquariat mit dem Buch: „Die gottesdienstlichen Alterthümer der Obodriten aus dem Tempel zu Rethra“ begann, weiterverfolgt, die historischen Orte aufgesucht und mit Unterstützung freundlicher Museumsleute die sogenannten Prillwitzer Idole der Brüder Sponholz aufgestöbert.

Voll Enthusiasmus und witziger Verspieltheit reagierte Daniel Spoerri auf alles Gesehene und Gehörte mit 16 großen geheimnisvoll-originellen Bronzefiguren. Er ließ seine „Prillwitzer“ im Cire perdu-Verfahren gießen, wobei die Gusskanäle stehen bleiben können, um wie hier, als Teil der Komposition „Eberkopfknabe mit Pflug“, das verstörende der Gestalt in einer eigenen Welt zu belassen, die Balance zu halten und der Inspiration durch Gideon und Jakob Sponholz auch durch das Herstellungsverfahren Ausdruck zu verleihen. Vielleicht ist die Jünglingsfigur mit dem elegant verlängerten Ringfinger der linken Hand eine Erinnerung an den sensiblen bis zur letzten Faser seines Körpers durchtrainierten Tänzer, der er selbst einst war. Der Eberkopf steht eventuell für das Urwüchsige, das Spoerri auf seiner Erkundungsreise durch M/V entdecken konnte und das die Menschen vor ca. 250 Jahren in den Ursprüngen ihrer Geschichte vermuten mussten. Die Dippelmaschine, Egge und Rad könnte man ebenfalls dem Kontext einer langsamer als anderswo vergehenden Zeit zuordnen.

Die Betrügerei der Brüder Sponholz hatte für die Kunstsammlung einen überaus positiven Nachklang. … Seine Ausstellung 2006 war ein Ereignis.

(Autorin: Heidemarie Tworke)